In China besteht das System des "Sozialismus mit chinesischen
Besonderheiten". Klein aber fein sind diese Besonderheiten. Sie wachsen und
gedeihen überall, wo man ihnen Freiraum lässt. Besonderen
Nährboden brauchen sie kaum, wenn sie nur nicht mutwillig blockiert oder
gestört werden. Dann sind sie ertragreich, widerstandsfähig und
genügsam. Diese Besonderheiten des Sozialismus sind Chinas
Privatunternehmen.
Im Ausland noch kaum als ernstzunehmende Geschäftspartner
wahrgenommen, haben sie sich auf dem chinesischen Binnenmarkt bereits zu starken
Konkurrenten der Staats- und Kollektivwirtschaft entwickelt. Einer vom
chinesischen Bund für Industrie und Handel im Dezember 2000
veröffentlichten Statistik zufolge gibt es inzwischen 1,5 Millionen
mittlere und größere Privatunternehmen und knapp 32 Millionen private
Kleingewerbebetriebe. Während die Anzahl der staatlichen, kollektiven und
ausländisch investierten Unternehmen 1999 deutlich zurückging, wuchs
die Zahl der Privatunternehmen um über 25 Prozent, ihr Umsatz um 37
Prozent.
Das Unternehmertum liegt vielen Chinesen im Blut. Nicht ohne
Grund dominieren Auslandschinesen die Wirtschaft zahlreicher asiatischer
Länder. Im sozialistischen China selbst wird die Privatwirtschaft erst seit
den achtziger Jahren wieder zögerlich toleriert. Erst 1999 wurde ihre
Existenzberechtigung in der Verfassung verankert, volle Anerkennung und
Gleichberechtigung mit Staats- und Kollektivbetrieben haben Privatunternehmen
bis heute nicht erlangt. Dennoch sind die Geschichten der frühen, fast noch
am Rande der Legalität gegründeten Unternehmen erstaunliche
Erfolgs-Stories, die manchmal an die Gründer der deutschen
Wirtschaftswunderzeit erinnern. Viele der heutigen privaten Konzernchefs
begannen vor zehn bis fünfzehn Jahren mit einer guten Idee und ein paar
Yuan Renminbi. Ihren neuen Reichtum zeigen sie mit importierten Luxusautos und
teuren Statussymbolen chinesischer Prägung.
Von der Außenwelt waren diese Unternehmen bis vor kurzem
fast völlig abgeschnitten. Sie hatten weder Außenhandelsrechte noch
die allgemeine Befugnis zur Kooperation oder zur Gründung von
Gemeinschaftsunternehmen mit dem Ausland. Nur wenige fanden Wege, diese
Einschränkungen zu umgehen. Mit Ausnahme der ganz großen
Privatunternehmen ist bis heute kaum fremdsprachiges Personal vorhanden, das
Management hat in der Regel keine Auslandserfahrungen. Dabei wären sie
für ausländische Unternehmen besonders interessante
Geschäftspartner. Sie entscheiden schnell, unbürokratisch und
geschäftsorientiert. Viele haben inzwischen ausgedehnte und
leistungsfähige Vertriebsnetze im ganzen Land. Viele sind finanzstark,
investitionsfreudig und schuldenfrei. Und fast alle wünschen sich
Geschäftskontakte mit dem Ausland.
Umgekehrt wird jedoch die Kraft der chinesischen
Privatwirtschaft im Ausland noch nicht richtig erkannt. An der ersten
Privatwirtschaftsmesse Chinas im Dezember 2000 nahm ich als einziger
Europäer teil. Drei weitere Nicht-Asiaten habe ich zwischen den 1.600
Ausstellern und 18.000 Besuchern getroffen: Vertreter eines australischen, eines
kanadischen und eines amerikanischen Unternehmens. Diese Veranstaltung war ein
unerwarteter Erfolg selbst für die Organisatoren vom chinesischen Bund
für Industrie und Handel. Bei der fünftägigen Messe
unterzeichneten die Privatunternehmen untereinander Handelsverträge im
Gesamtvolumen von 31,8 Milliarden Renminbi.
Im Vorfeld des Beitritts zur WTO hat die chinesische Regierung
die Einschränkungen der Privatwirtschaft beim Zugang zum Weltmarkt bereits
etwas gelockert. Der gordische Knoten besteht aber weiter: einerseits der
erkennbar große potentielle Nutzen internationaler
Geschäftsbeziehungen der chinesische Privatunternehmen, andererseits das
bei ihnen fehlende Know-how und ihre im Ausland noch zu geringe Beachtung. Den
Knoten durchbrechen zu helfen hat sich der Deutsche Industrie- und Handelstag
(DIHT) in einem Partnerschaftsprojekt mit dem chinesischen Bund für
Industrie und Handel zur Aufgabe gemacht, der besser bekannt ist unter dem
englischen Namen All-China Federation of Industry and Commerce (ACFIC). Das
Partnerschaftsprojekt wird vom Bundesministerium für wirtschaftliche
Zusammenarbeit und Entwicklung über die Stiftung für wirtschaftliche
Entwicklung und berufliche Qualifizierung gefördert.
Das Netzwerk von ACFIC und den regionalen Federations of
Industry and Commerce (FICs) ist die größte Organisation
außerhalb der Regierung, die branchenübergreifend die
Privatwirtschaft Chinas repräsentiert. Es handelt sich um die
Nachfolgeorganisation der früheren Industrie- und Handelskammern, die teils
schon Ende des 19. Jahrhunderts nach westlichem Muster gegründet worden
waren. Anfang der fünfziger Jahre übernahm die Einheitsfrontabteilung
der Partei die Kontrolle, während der Kulturrevolution musste die
Organisation ihre Arbeit ganz einstellen. Erst mit der wachsenden
Privatwirtschaft steigt auch ihre Bedeutung seit einigen Jahren wieder.
Inzwischen gibt es über 3.000 regionale FICs, sie haben insgesamt 1,4
Millionen Mitglieder.
Im Partnerschaftsprojekt mit ACFIC und zehn ausgewählten
regionalen FICs führt der DIHT in China Bildungsveranstaltungen für
Privatunternehmer durch, in denen diese auf internationale
Geschäftskontakte vorbereitet werden. Sie erfahren, wie sie ihre
Unternehmensführung modernisieren und ihre Entwicklungsstrategie
globalisieren können. In Rollenspielen lernen sie das Verhandeln mit
ausländischen Geschäftsleuten. Bei gelegentlichen Besuchen in
Deutschland können sie deutsche Betriebe besichtigen und auf Fachmessen und
Kooperationsbörsen konkrete Geschäftskontakte knüpfen. Viele
nutzen diese Gelegenheit und bestellen gleich einige Maschinen und Anlagen in
Deutschland.
Ausländischen Unternehmen hilft das Projekt bei der
Kontaktaufnahme mit der chinesischen Privatwirtschaft vor allem durch den Aufbau
einer nationalen Datenbank der Privatunternehmen, die von ACFIC geführt
wird. Diese Datenbank wird auf CD-ROM und im Internet auf Chinesisch und
Englisch veröffentlicht. Bis Ende nächsten Jahres sollen 200.000
Privatunternehmen aufgenommen werden. Eine kleine englische Datenbank mit
speziellen Auslands-Kontaktwünschen chinesischer Privatunternehmen ist
bereits heute unter dem Kapitel "Business Opportunities" auf der Homepage des
Projektes im Internet abrufbar.
Ein besonderes Anliegen des DIHT ist es aber, die Kollegen bei
ACFIC und den FICs bei ihren Dienstleistungen für die privaten
Mitgliedsunternehmen und bei der Vertretung ihrer Interessen zu
unterstützen. Dafür werden spezielle Workshops und Praxistrainings in
China sowie Informationsbesuche beim DIHT und bei Industrie- und Handelskammern
in Deutschland durchgeführt. Der DIHT hofft, über die Multiplikatoren
bei den FICs eine breite Wirkung zu erzielen und so zu einer freieren
Entwicklung des privaten Unternehmertums in China beizutragen. Letztlich wird
damit deutschen mittelständischen Unternehmen der Weg zu einer großen
Zahl kraftvoller und effizienter Geschäftspartner in China
geebnet.