Privatunternehmer drängen auf neue Märkte (Helmut Schönleber)
Privatunternehmer drängen auf neue Märkte (Helmut
Schönleber)
Deutsche Beteiligung bei der Erschließung von
Nischenmärkten?
Für Marktlücken haben chinesische Privatunternehmer
ein besonders waches Auge. Viele von ihnen haben frühzeitig regionale
Versorgungslücken erkannt und sich mit deren Ausfüllung eine goldene
Nase verdient. Andere haben Mängel bei Produkten der meist staatlichen
Konkurrenz analysiert und im eigenen Betrieb die Herstellung besserer Ware
aufgenommen. Wieder andere konzentrieren sich darauf, beispielsweise bei
Auslandsbesuchen spezielle Produkte zu finden, die in China noch fehlen, und
importieren diese oder bauen sie selbst. Für die mittelständischen
Unternehmen versprechen nach dem WTO-Beitritt nur neue Teilmärkte noch hohe
Gewinne, während der Markt für Standardprodukte zwischen
modernisierten staatlichen Aktiengesellschaften und multinationalen Konzernen
schon aufgeteilt ist.
Schon bei seinem ersten Besuch in Deutschland 1998 ist dem
Privatunternehmer Wang ein Produkt aufgefallen, das es in China bisher nicht
gibt. Wang baut in zwei seiner Fabriken LKWs aus staatlicher Produktion in
Spezial-Fahrzeuge um, von kleinen Kühl-Transportern bis hin zu
Standard-Containerfahrzeugen mit einem patentierten, halbautomatischen
Paletten-Verschiebesystem. Für China sind seine Betriebe im Vergleich mit
Staatsunternehmen modern und effektiv, mit den beachtlichen Gewinnen konnte er
jedes Jahr kräftig expandieren. In allen wichtigen Städten Chinas hat
er inzwischen eigene Vertretungen oder lokale Fahrzeughändler und
Reparaturwerkstätten als feste Partner.
Bei seiner zweiten Deutschlandreise mit einer Delegation des
DIHK-ACFIC Partnerschaftsprojektes hatte Wang Gelegenheit, mehrere deutsche
Unternehmen seiner Branche näher kennenzulernen. Durch dieses für ihn
tiefgreifende Erlebnis wurde ihm erstmals sein Abstand vom Welt-Niveau in der
Betriebsführung bewusst. Technische Defizite waren aus seiner Sicht weniger
gravierend. Er beschloss daher, sein Unternehmen für knapp ein Jahr seinen
leitenden Mitarbeitern zu überlassen und selber zuerst einmal an einem
MBA-Programm der Qinghua-Universität teilzunehmen.
Nach Abschluss des Programms hatte er eine Strategie im Kopf
und richtete sein Management neu aus. Die einzelnen Betriebe faßte er in
eine Unternehmensgruppe zusammen und entwickelte ein Gesamtkonzept für
deren Marketing und die Öffentlichkeitsarbeit. Seine neue
Unternehmenszentrale baute er auf die grüne Wiese - natürlich auf eine
günstig gelegene, mitten zwischen den wichtigen Absatzmärkten Peking
und Tianjin. Die organisatorische Modernisierung seines Unternehmens ist
inzwischen abgeschlossen.
Das Produkt, das Wang in Deutschland aufgefallen war, hat er
aber darüber nie aus den Augen verloren. Wohnmobile: in China sind sie
bisher so gut wie unbekannt, haben aber nach Wangs Einschätzung ein enormes
Marktpotential. Kunden für solche Fahrzeuge sind nicht nur in der
kräftig gewachsenen oberen Mittelschicht Chinas zu finden, auch
Regierungsinstitutionen, deren Beamte oft mehrere Tage in entlegenen Regionen
tätig sind, brauchen Wohnmobile, so Wang. Unternehmer können ihren
Gästen mit einer Reise in ihren Wohnmobilen eine interessante Abwechslung
bieten. Die nötigen Beziehungen zu diesen Kundenkreisen hat Wang. Auch den
Gouverneur seiner Provinz hat er schon mit der Idee bezaubert - dieser hat seine
volle Unterstützung zugesagt und einen Kreditrahmen zu günstigen
Konditionen bereitgestellt.
Mit Hilfe des DIHK hat Wang bereits ausführliches
Informationsmaterial über den Bau von Wohnmobilen und über Zulieferer
von Teilen und Zubehör aus Deutschland bezogen. Im Grunde sind seine
Mechaniker in der Lage, die ersten Fahrzeuge herzustellen. Wang aber blickt
weiter in die Zukunft. Er ist selbst von Deutschland begeistert, will aber auch
das gute deutsche Image in China für die Vermarktung seiner Wohnmobile
nutzen. Daher zielt er auf eine Kooperation mit einem deutschen
Wohnmobil-Hersteller ab, die werbewirksam genutzt werden könnte, zugleich
aber auch dem deutschen Unternehmen einen idealen Markteintritt in China
verschaffen würde. Bei Kooperationsvorschlägen aus USA und Italien
winkt Wang dagegen bisher ab.
Ob die deutschen Wohnmobil-Hersteller diese Gelegenheit
wahrnehmen oder aber das Wagnis scheuen, bleibt vorerst abzuwarten. Erste
Kontakte waren nicht sehr ermutigend. Das Beispiel Wang zeigt aber, dass der
deutsche Mittelstand auf Nischenmärkten nach wie vor beste
Möglichkeiten hat, am Boom der chinesischen Privatwirtschaft teilzuhaben.